Pazifischer Nordwesten // Teil 4: Kurt Cobain & Nirvanaland

Kurt Cobain Landing Memorial Aberdeen, WA

Wie viele wissen, stammt die Band Nirvana aus Seattle. Aber nicht nur sie:

Jimi Hendrix wurde am 27. November 1942 in Seattle geboren.

Musikproduzent Quincy Jones ging zur Garfield Highschool, die für ihr Jazzprogramm bekannt ist – auch Jimi Hendrix ging übrigens dorthin, musste die Schule aber wegen schlechter Noten verlassen 🙂

Sehr viel später, am 27. August 1991 brachte die Band Pearl Jam das Kultalbum Ten heraus. Pearl Jam ist die einzige der großen Seattle-Grunge-Bands, die seitdem kontinuierlich besteht und Alben produziert.

Ja, genau, du ahnst, was ich sagen will: Soundgarden, ebenfalls in Seattle gegründet, war 2017 noch auf US-Tournee, bis sich Sänger Chris Cornell am 18. Mai 2017 nach einem der Auftritte das Leben nahm. „Superunknown“, das legendäre Album von Soundgarden mit dem Song „Black Hole Sun“, war am 8. März 1994 herausgenommen. Der Name Soundgarden bezieht sich auf eine Skulptur, die auf einem Gelände der nationalen Ozean- und Wetterbehörde in Seattle steht.

„Death Cab for Cutie“ kommt hingegen nicht direkt aus Seattle, sondern aus Bellingham, nördlich davon. Ich kenne die Band vor allem aus dem Twilight Soundtrack Vol. 1, mit dem Titelsong „Meet Me on the Equinox“, was wiederum absolut in die Gegend passt, denn die Twilight-Romane spielen auf der gegenüberliegenden Seite vom Puget Sound, im Olympic National Park.

Sub Pop, das Plattenlabel, dass sich ursprünglich auf lokale Grunge Bands konzentrierte und Nirvana, Soundgarden, Sonic Youth und die Smashing Pumpkins unter Vertrag hatte, betreibt übrigens einen Plattenladen am Sea-Tac Airport von Seattle.

Geboren innerhalb der Generation X bin ich mit Grunge groß geworden. Ich liebte nichts mehr als zu Alive von Pearl Jam zu tanzen und lebte meine Eifersucht wegen meines ständig fremdflirtenden Exfreunds mit dem Song Where Did You Sleep Last Night aus der legendären Unplugged in New York Session von Nirvana aus. Es war klar, dass ich mich in Seattle unbedingt auf Spurensuche von Kurt Cobain machen würde. Während der Urlaubsvorbereitungen war ich auf den Artikel „Chasing Kurt Cobain in Washington State“ gestoßen. Das war ein absoluter Glücksfall, denn der Autor zeichnet jede einzelne Station von Cobains kurzem Leben nach – mit Hausadressen.

Doch bevor wir einige davon aufsuchten, schauten wir uns im EMP Museum die Ausstellung „Nirvana – Taking Punk to the Masses“ an. Neben einigen Erinnerungen, die von den Jungs aus meiner Klasse hätten sein können:

 

Ausstellung Nirvana Taking Punk to the Masses EMP Museum Seattle

..gab es ein paar schöne Bandfotos:

 

Ausstellung Nirvana Taking Punk to the Masses EMP Museum Seattle

.. und ’ne gesmashte Gitarre:

 

Ausstellung Nirvana Taking Punk to the Masses EMP Museum Seattle

..ein extrem cooles Deckblatt einer Pressemappe:

 

Ausstellung Nirvana Taking Punk to the Masses EMP Museum Seattle

„It may be the Devil and it may be the Lord .. But it sure as hell ain’t human – Nirvana“

..und soviel zum „Aufreger-Cover“:

 

Ausstellung Nirvana Taking Punk to the Masses EMP Museum Seattle

„If anyone has a problem with his dick we can remove it“

Aber das schönste war: Schau mal, wo Nirvana schon am 9. November 1989 gespielt hat: Im guten alten „Bad“, ein Club in meiner Heimatstadt Hannover:

 

Ausstellung Nirvana Taking Punk to the Masses EMP Museum Seattle

Es war übrigens, wie auf dem Foto oben zu sehen ist, die „Bleach God’s Balls Tour“ durch Europa, für die sich Nirvana mit der Band TAD zusammengetan hatten, die ebenfalls bei Sub Pop unter Vertrag waren. „God’s Balls“ – das muss ich dir hoffentlich nicht übersetzen 🙂 war das Debütalbum von TAD aus demselben Jahr. Ehrlich gesagt kannte ich die Band bis zu diesem Blogartikel nicht, aber nach einem kurzen Blick auf den englischen Wikipedia-Artikel ist das auch ganz logisch: TAD war demnach mehr vom Metal der 70er inspiriert als vom Punk, wie die meisten Grunge Bands. Mit Metal konnte ich, bis ich meinen Mann 2006 kennenlernte, herzlich wenig anfangen – abgesehen vielleicht von einem kleinen Faible für Alice Cooper’s Poison oder auch Guns n‘ Roses‘ Paradise City, aber beides kann man ja wirklich nicht zum Metal zählen 🙂

Jedenfalls tourten TAD und Nirvana, jene wiederum ihrem Debütalbum „Bleach“ von August 1989, ab Oktober 1989 noch zu zweit durch Europa in vergleichsweise kleinen Clubs.

Zwei Jahre später, am 29. September 1991 drückte MTV dann auf den Play-Button für das Video „Smells like teen spirit“, welches das meistgespielte Video des Senders wurde. Danach wäre ein Auftritt im „Bad“ wohl nicht mehr möglich gewesen 🙂

 

When Nirvana hit it big, it was overwhelming because we where part of the counterculture. Nirvana didn’t go to the mainstream – the mainstream came to Nirvana.

Krist Novoselic, Bassist, Nirvana

 

In Seattle hat Kurt Cobain eigentlich nur zwei Jahre seines Lebens verbracht. Zunächst wohnte er mit Coutney Love in diversen teuren Hotels, bevor er sein großes Haus am 171 Lake Washington Boulevard East kaufte, in dessen Gartenhaus er am 5. April 1994 Selbstmord begang. Das Haus liegt im Viertel Denny Blaine. Parallel zum Lake Washington windet sich die gleichnamige Straße Lake Washington Boulevard East am Ufer hoch. Kurt Cobain’s Seattle House, das unter genau diesem Namen übrigens eine eigene Facebook Fanpage hat, wurde bereits 1997 verkauft. Es ist umgeben von hohen Mauern, die wiederum mit Hecken zugewachsen sind. Ein paar Blicke kann man jedoch erhaschen, wenn man im Gelände herumstreift:

 

Kurt Cobains Seattle House

 

Kurt Cobains Seattle House

 

Kurt Cobains Seattle House

Bis heute verweigert die Stadt Seattle eine letzte Ruhestätte für Kurt Cobain. Man wolle keinen Andrang wie zum Beispiel am Grab von Jim Morrison in Paris. Aber ein paar Schritte vom Haus entfernt links gibt es den Viretta Park. Hier legen Fans Blumen ab und schreiben Messages auf die Parkbank:

 

Viretta Park near Kurt Cobains Seattle House

 

Viretta Park near Kurt Cobains Seattle House

Wie oben geschrieben verbrachte Kurt Cobain nur zwei Jahre seines bekannterweise 27 Jahre weilenden Lebens in Seattle. Geboren und aufgewachsen ist er in Aberdeen, im amerikanischen Bundesstaat Washington, abseits des Tourismus und rund 100 Meilen von Seattle entfernt – das sind gut 160 Kilometer. Im Osten führt die Interstate 5 von Portland nach Seattle, im Westen fahren die Großstädter am Wochenende in die Sommerfrische nach Long Beach. Aberdeen liegt irgendwo dazwischen, und niemand hatte es eigentlich so großartig auf dem Plan – bis Nirvana kam und die Musikbranche mit Grunge umkrempelte. Es liegt eigentlich auf der Hand, dass ein solcher Sound aus einer solchen Gegen kommt. Abgenutzt, unperfekt und nicht zum Vorzeigen. Aber absolut echt. Wohl deswegen heißt einer der bekannteren Songs von Nirvana auch „Come as you are“. Das steht übrigens auch coolerweise auf dem Eingangsschild der Heimatstadt von Kurt Cobain: „Aberdeen – Come as you are“ 🙂 Leider verpassten wir es, als wir in die Stadt einfuhren und waren durch die Spätsommersonne zu relaxt, um nochmal zurückzufahren und es zu fotografieren. Gib es daher einfach in die Google Bildersuche – oder besser in die Suchmaschine Duckduckgo ein, die keine Daten frisst.

Ich schweife ab.

Zurück zu Aberdeen, Kurts Heimatstadt.

Wie sie so aussieht? Die Vororte sind recht heruntergekommen, aber das Stadtzentrum ist eigentlich ganz schön. Nicht prätentiös, aber beschaulich. Wir machten erst einmal einen Stopp im „Jack in the Box“, neben Wendys der beste Burgerbrater in den USA (McDonalds taugt dort übrigens nichts). Zwar hatte ich mir aus dem oben verlinkten Artikel der NYT die Adresse von Kurts Geburtshaus abgeschrieben, aber spaßeshalber fragte ich trotzdem mal die Jugendlichen, die in dem Fast Food Restaurant bedienten, wo wir Kurt Cobains Geburtshaus finden könnten.

Kurt wer? fragten sie – ach Kurt Cobain! Das Mädchen hinter der Burgerbrater-Bedientheke wusste Bescheid, aber ihr Kumpel hatte absolut keinen Plan, von wem wir sprachen. In Kurt Cobains Heimatort! Er sagte, wir sollten lieber mal zum Star Wars Shop um die Ecke fahren, den betreibe sein Vater, und das sei die wahre Sehenswürdigkeit in Aberdeen 🙂

Ich persönlich kann mit Star Wars absolut nichts anfangen, und mich zog es so langsam eben halt zu Kurt Cobains Geburtshaus. So fuhren wir durch ein paar Straßen mit bescheidenen Häusern unweit der Hauptdurchgangsstraße, bis wir vor dem Haus 1210 East First Street anhielten. Durch den relativ neuen und sehr zu empfehlenden Dokumentarfilm „Cobain: Montage of Heck“ mit vielen Originalfotos, -videos und -tagebuchaufzeichnungen, den wir kurz vor der Reise gekauft hatten, kam es uns ein wenig bekannt vor. Der Film wurde übrigens mitproduziert von seiner heute 25-jährigen Tochter Frances Bean Cobain (geboren 18.08.1992; Bean, weil Kurt anhand des Ultraschallbildes sagte, sein Kind sehe aus wie eine Bohne 🙂 ) Frances Beans Mitarbeit an dem Dokfilm habe Türen geöffnet, die anderen Regisseuren bislang verschlossen geblieben seien, heißt es. Klar – denn alles, was Cobain betrifft, ist mit hohen rechtlichen Auflagen verbunden.

Wir wussten, dass Kurt in dem gelben Haus in der East First Street bis in seine Schulzeit hinein relativ verwöhnt bei seinen Eltern aufwuchs und von allen als aufgewecktes, witziges und extrem kreatives Kind geliebt wurde. Mit der Scheidung seiner Eltern nahm dieses Leben ein völligen Bruch: Kurt, der als hyperaktiv eingestuft wurde und deshalb als Kind schon Ritalin nehmen sollte und nahm, lebte in den folgenden vier Jahren bei zehn verschiedenen Familien. Während mich sein Selbstmord 1994 relativ kaltgelassen hatte und ich ihn einfach auf das durchgeknallte Wesen vieler Musiker und Künstler geschoben hatte, konnte ich Kurts Wesen, seinen Weg und seine Gedanken während unserer Reise, 25 Jahre nach dem Release des Albums Nevermind, deutlich besser verstehen. Dazu hatte, wie erwähnt, der Dokumentarfilm „Cobain: Montage of Heck“ entscheidend beigetragen. Und nun führe ich dich dahin, wo Kurt Cobain geboren wurde und seine Kindheit verbrachte:

 

Was auch zum besseren Verstehen der Person Kurt Cobain beitrug, war der Besuch des Memorials „Kurt Cobain Landing“ ein paar Straßen weiter. Wie bereits beschrieben, gibt es keine Grabstätte des Sängers, und es gibt auch keinen von der Stadt finanzierten Wallfahrtsort. Für nicht wenige war der Musiker lange Zeit einfach ein langhaariger Junkie, ein Nichtsnutz, ein Aussteiger, ein Schulabbrecher, einer, der die Arbeit scheute und sich von seiner Freundin aushalten ließ. Ein typisches Vorbild von Leuten aus der Generation X also 🙂

Nach und nach besinnt man sich in Aberdeen aber doch auf Kurts „Bedeutung“, Leistung und vor allem auch auf sein tragisches Leben mit traurigem Ende, und mit „Kurt Cobain Landing“ hat man einen Ort eingerichtet, der Kurt vielleicht näherkommt als jedes Grab das könnte. Denn das Memorial liegt am Wishkah River, direkt an der Young Street Bridge – ein Ort, an dem sich Kurt während seiner Jugend oft stundenlang aufhielt, um nicht zu sagen „auf der Flucht“ vor seinem Elternhaus. Im Film „Montage of Heck“ wird gesagt, Kurt habe sogar ein paar Wochen unter dieser Brücke geschlafen. Das kann durchaus stimmen. Was allerdings umstritten ist: ob die Asche von ihm in den Wishkah River gestreut worden war. Denn um die Asche von Kurt Cobain ranken sich viele Geschichten. Angeblich soll Courtney Love so doof gewesen sein, sie sich klauen zu lassen. Sie habe die Asche jahrelang in ihrer Wohnung in einer Handtasche aufbewahrt, heißt es. Man weiß es nicht. Laut Wikipedia-Artikel war es so, aber ich würde dahinter mal ein Fragezeichen setzen. Jaja, ich weiß, was du sagen willst: Für ebenso fragwürdig halten viele, dass er tatsächlich Suizid begangen habe; die Story mit der Schrotflinte und so weiter und so fort. Da mische ich mich mal nicht ein. Tatsache ist, dass kurz vor Kurts 20. Todestag, im April 2014 – und auch danach – immer wieder mal Fotos vom angeblichen Tatort veröffentlicht wurden (oder durchsickerten, s. Bild-Artikel).

Ich persönlich halte mich gern an das, was ich sehe und warum ich reise – nach dem Motto „Seeing is believing“ (Danke, Schatz, für dieses Zitat <3).

Und was ich in Aberdeen sah, das waren die Orte, an denen Kurt nachweislich als Jugendlicher abgehangen hat. Zum Beispiel eben der Wishkah River in der Nähe des Hauses, in dem er aufgewachsen war. Das indianische Wort „Wishkah“ bedeutet stinkender Fluss – und in der Tat ist das Gewässer in der Verlängerung der Sümpfe zwischen North und Willipa Bay, im Gegensatz zu so vielen glasklaren Flüssen Amerikas, ziemlich „muddy“. Manch einer erinnert sich vielleicht an das Nirvana-Album From the Muddy Banks of the Wishkah (englisch: Von den schlammigen Ufern des Wishkah) – und ja, es wurde vom ehemaligen Bassisten Krist Novoselic in Erinnerung an den Bandleader zusammengestellt und am 1. Oktober 1996 veröffentlicht.

Die Tatsache, dass Kurt Cobain an den Ufern des Wishkah mit seinem klangvollen Namen so viel Zeit verbracht hat, stimmt mich rührig. Schließlich kennen doch viele Menschen einen solchen unheroischen, dreckigen, versteckten Ort, den sie mit ihrer Jugend verbinden. Kurt Cobain – ein Mensch wie du und ich?

 

Den Platz unter der Brücke hat Kurt Cobain übrigens in einem Song festgehalten, der mir ganz besonders viel bedeutet. Es ist der Song „Something in the way“:

Underneath the bridge ..

Comments

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  • Veronika Pavlicek

    Danke für den schönen Artikel. Als „Radio-Veteranin“ (derzeit bin ich beim US-Internetsender http://xxxrock.fm zu hören, für den ich wöchentliche Rock-News produziere) möchte ich noch ergänzen, dass wohl bald eine Chris Cornell-Tour folgen könnte. Der Bildhauer Wayne Toth, der auch die Johnny Ramone-Statue auf dessen Grab am Hollywood Forever Cemetery in L.A. gestaltet hat, soll Chris´ Witwe Vicky bereits einen Entwurf vorgelegt haben. Nun beginnt die Suche nach einem geeigneten Platz dafür in Seattle. Im Gegensatz zu Kurt Cobain ist Chris Cornell tatsächlich in Seattle geboren.