Wie du anfangen kannst, minimalistisch zu leben

Kannst du dich nicht von Überflüssigem trennen und fragst dich, wo das noch hinführen soll? Bist du mit der Zeit in immer größere, teurere Wohnungen gezogen und musst du jetzt immer mehr kostbare Zeit damit verbringen, dein Hab und Gut zu entstauben und zu pflegen? Du möchtest mit weniger leben, weißt aber einfach nicht, wo du anfangen sollst?

Ich zeige dir, wie du damit anfangen kannst, deinen materiellen Besitz zu reduzieren und gebe dir Gedanken mit auf den Weg, die dir helfen, das auch wirklich umzusetzen. Aber vorher nehme ich dich mit in eine kleine Geschichte, damit du weißt, warum ich mir das Ziel gesetzt habe, mit wenig zu leben.

Nach einem Jahr mit vielen ups & downs gönnten mein Mann und ich uns eine Reise in den Pazifischen Nordwesten. Ein Stopp auf dem Roadtrip war das wunderschöne Vancouver Island. Die Strände dort sind absolut großartig, wilde Schönheiten. Also gingen wir oft an verschiedenen Stränden entlang. Am Chesterman Beach, kurz nachdem wir einen Tee im Wickaninnish Inn getrunken hatten, sah ich plötzlich eine Holzhütte, auf der stand in großen Lettern Arts, also Kunst. Das weckte meine Neugier, wir gingen näher heran und sahen einen circa 45 Jahre alten Mann vor der Hütte sitzen. Ich fragte ihn: What are you doing? Und er sagte: I’m carving wood. Er bezeichnete sich als Feather George, denn er schnitzte Federn aus Wurzelholz. Die Hütte ist Georges Werkstatt. Den ganzen Tag lebt und arbeitet er am Strand, diesem einmaligen Flecken Erde im Pacific Rim Nationalpark. Ich weiß noch, dass ich in diesem Moment dachte, dass das Leben eigentlich so einfach sein kann.

 

Holzschnitzer Feather George auf Vancouver Island

PIN IT! Das ist Feather George. Er hat keine Internetseite, aber dieses Video erzählt seine Story.

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Kunsthandwerk aus Holz in Form von Federn

PIN IT! Diese Federn schnitzt er kunstvoll aus recyceltem Holz.

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Holzhütte von Feather George, Vancouver Island

PIN IT! Sein Arbeitsplatz …

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Panorama Chesterman Beach, Vancouver Island

PIN IT! … am wunderschönen Chesterman Beach auf Vancouver Island.

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Ich hingegen wühle mich werktags mit tausend anderen durch den Berufsverkehr zu meinem Vollzeitjob, habe oft nicht einmal Zeit, mir vernünftiges Essen zuzubereiten und bin am Wochenende damit beschäftigt, das Haus zu putzen, die Regale und entstauben und die sich stapelnde nervige Post zu beantworten. Nach der Begegnung mit Feather Goerge dachte ich oft über die Begebenheit nach. Mir kam der Gedanke, dass mein gesamter Lifestyle zum einen sehr teuer ist, weil ich in einem der reichsten Länder der Erde wohne, nur noch getoppt von Norwegen und der Schweiz, zum anderen aber auch, weil Ausgaben entstehen, die ich nicht hätte, wenn ich nicht arbeiten müsste:

Wir bräuchten nicht zwei Autos, sondern kämen mit einem zurecht. Ich würde nicht so viel Kleidung benötigen, um jeden Tag etwas anderes auf der Arbeit tragen zu können. Und vor allem müsste ich mir nicht so viele Konsumgüter kaufen oder mir neue Kicks und Erlebnisse schaffen, um einen Ausgleich zum Job zu finden. In mir reifte die Vorstellung auszusteigen, einfach, um zu schauen, mit wie wenig ich leben kann und wie viel Geld und materielle Dinge ich WIRKLICH brauche.

Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass viele erlernte und von der Gesellschaft gelebte Verhaltensmuster wie ein kleines Teufelchen auf der Schulter sitzen und einen boshaft fragen: Wovon willst du denn leben, glaubst du wirklich, dass du genug Schreibaufträge bekommst? Außerdem bist du so ein großer Schisshase, du kämst in der Wildnis nicht weit, weil du permanent Angst hättest vor Schlangen, Bären und Vielfraßen! Was willst du denn später mal machen, wenn du ’ne alte Omi bist, dann hast du keine Rente eingezahlt und gehst zur Tafel oder wie?

Ich muss zugeben, dass diese (nicht diese, aber solche) Gedanken mich bisher davon abhalten, das Aussteigen TATSÄCHLICH anzugehen. Aber – so dachte ich –  ich kann mich doch zumindest auf den Weg begeben, meine materiellen Sachen nach und nach einer strengen Begutachtung zu unterziehen und mich zu fragen: Brauche ich das oder kann das weg? Komm‘ mit und ich zeige dir, wie ich Schritt für Schritt unser Haus auf den Kopf stelle. Aber eines noch vorab: Auf zahlreichen Blogs von Menschen, die ausgestiegen sind, habe ich schon die folgenden Sätze gelesen, vielleicht kommen sie dir irgendwie bekannt vor: Ich kündigte meinen Job und verkaufte oder verschenkte all meine Sachen, bis auf ein paar wertvolle Erinnerungen, die ich in einlagerte. Sorry, was jetzt kommt, ist ein bisschen böse, aber ich halte das für einen Fake. Hast du jemals versucht, gebrauchte Sachen zu verkaufen? Bei Amazon, Momox und wie sie alle heißen wurden mir stolze 0,01 Cent für Bücher und DVDs angeboten. Bei ebay Kleinanzeigen machte ich eher die Bekanntschaft mit äußerst eigentümlichen Menschen, als dass ich das Inserierte loswurde. Dabei gibt es drei beliebte Varianten:

1. Deine Anzeigen werden aus lauter Langeweile aufs Dümmlichste kommentiert

2. Der Interessent diskutiert so lange herum wie die Politiker im Bundestag und kauft dann doch nicht

3. Der Interessent schlägt dir einen Termin werktags um 14.30 Uhr vor (anders ginge es angeblich nicht), du machst auf der Arbeit (Vollzeit) unter den kritischen Blicken deines Chefs um 14 Uhr Schluss, rast nach Hause. Aber der Interessent taucht nicht auf. Geht auch nicht ans Telefon

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber meins war das nicht. Wenn man nicht Mrs. Kleinanzeigen-Crack ist und den ganzen Tag nichts anderes tut als der Trödel-Trupp, dann kommt man da nicht weit. Meine Meinung. Deshalb zeige ich dir im Folgenden auf, wie du die Dinge mit gutem Gewissen entsorgen kannst.

Und hier kommen 3 erste Schritte, wie du dich schnell und einfach von Überflüssigem trennen kannst.

 

Schritt 1: Der Kleiderschrank

Das hast du befürchtet, oder? Es tut mir leid, daran geht kein Weg vorbei. Ich habe letztens in einem Nachhaltigkeitsmagazin gelesen, dass ein erwachsener Deutscher im Schnitt 95 Kleidungsstücke besitzt und das ohne Unterwäsche und Socken. Das macht 5,2 Milliarden Kleidungsstücke. Jedes fünfte davon liegt ungenutzt im Schrank. Also nichts wie ‚ran, Schranktür auf und angefangen!

Ich persönlich fand es sehr wichtig, erst einmal zu eruieren, was ich eigentlich alles habe. Also räumte ich meinen gesamten Schrank aus und legte ALLE Klamotten aufs Bett. Dabei wuchs schonmal die erste Erkenntnis, dass der Satz Ich habe nichts anzuziehen nicht im Geringsten stimmt. Eher ziehe ich das Viele, was ich habe, häufig nicht an. Der nächste Schritt bestand darin, rigoros Kleidung wegzulegen, die mir nicht mehr gefällt. Gedanken wie Aber dann hast du zu wenig Winterpullis strich ich. Ich sagte mir, dass ich das doch erstmal ausprobieren könnte und notfalls könnte ich auch Zwiebellook tragen. Mittlerweile haben wir Winter und ich musste mir bisher nur ein paar neue Stiefel kaufen. Diese Woche, nach bereits drei Monaten in der kalten Jahreszeit, dachte ich, dass mir ein schwarzer Pulli fehlen würde. Mein Gott, bisher bin ich doch gut durchgekommen.

Im zweiten Schritt sortierte ich genauer nach Kategorien von Kleidungsstücken und da jeweils nochmal nach Business und Freizeit. Schnell stellte ich fest, dass ich eine riesige Menge Blazer besaß. Was hatte ich damit vorgehabt? Wollte ich die erste Frau im DAX-Vorstand werden oder so? Ich sortierte sie nicht aus, aber die Erkenntnis half mir, dass ich schicke Sachen für die Arbeit erstmal echt nicht kaufen muss. Davon habe ich wirklich genug. Bye bye H&M-Businessklamottenabteilung 🙂

Nachdem ich einen besseren Überblick hatte, wovon ich etwas benötige und wovon nicht, machte ich die obligatorische Aufteilung in Sommer- und Winterkleidung und räumte wieder ein. Die weggelegten Klamotten gab ich in die Alterkleidersammlung auf dem Wertstoffhof, nachdem ich mich beim Abfallentsorger meiner Stadt nachgeforscht habe, wie er die Verwertung handhabt. Einen aufschlussreichen Artikel zur Unterscheidung von schwarzen und weißen Schafen bei der Altkleiderentsorgung schrieb auch die städtische Zeitung. Außer den Wertstoffhöfen nehmen auch Sozialkaufhäuser und Oxfam Kleidung an.

Mittlerweile räume ich zweimal im Jahr, immer im Frühling und Herbst, den Schrank aus und miste aus bzw. verschaffe mir einen Überblick, was ich tatsächlich brauchen würde, das ich dann auf eine kurze Liste setze und nach und nach kaufe. Zu dem Aussortieren von Kleidung zähle ich übrigens auch Schuhe und Schmuck.

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Möchtest Du mehr über das Thema Minimalismus erfahren? Bloggerin Anna von DESIGNSIE hat mich dazu interviewt:

 

Schritt 2: Bücher und CDs

Auch ein sensibles Thema. Wenn du ein Bücherwurm oder Musik- bzw. wahlweise Film- und Serienfan bist, stellen sich wahrscheinlich gerade deine Nackenhaare hoch. Trotzdem möchte ich dir Ideen ans Herz legen, wie du hier reduzieren kannst. Vorher kurz zu mir: Ich BIN Bücherwurm, hatte in der Schule Deutsch-Leistungskurs und studierte später Literaturwissenschaft. Entsprechend ist mein Regal voll mit den altbekannten gelben Reclamheften und weiteren geistigen Errungenschaften aus allen literarischen Epochen. Dazu die Belletristik – UND: Meine Patentante schenkt mit jedes Jahr zu Ostern, Weihnachten und zum Geburtstag ein Buch, und zwar seit ich lesen kann. Und ich konnte früh lesen. Immer, wenn wir umziehen, mache ich mir Feinde, weil die armen Umzugshelfer meine Bücher schleppen müssen. Nach dem letzten Umzug sah ich nur eine Möglichkeit: die Anschaffung eines Kindles (oder Tolinos). Seit zwei Jahren habe ich nun einen eBook-Reader und komme sehr gut damit zurecht. Mir gefällt, dass er so leicht ist, sich dank der Hülle nicht wie ein Buch abnutzt, und mir fehlt die Haptik von Büchern kein bisschen. Mein Bücherregal habe ich in neue Abteilungen sortiert und alles enger zusammengestellt, so dass ich nun weiß: Mehr als meine zwei Regale sowie mein Sideboard für CDs werde ich insgesamt in unserer Wohnung nicht benötigen. Ich werde also zumindest keine neuen Möbel zum Verstauen von derlei Dingen mehr kaufen müssen.

Einige Bücher habe ich auch aussortiert. Bücher zu entsorgen ist in meiner Stadt übrigens ein rundherum befriedigendes Erlebnis, denn es gibt in vielen Stadtteilen so genannte Bücherschränke. Immer, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fuhr, packte ich ein, zwei ausrangierte Bücher hinten in den Rucksack und stellte sie unterwegs in den Bücherschrank. Da ich auf diese Weise einige Wochen lang immer wieder am selben Bücherschrank vorbeikam, konnte ich zu meiner Freude feststellen, dass der Bestand dort regelmäßig wechselt und meine Bücher tatsächlich mitgenommen worden waren. Adieu, Momox – ich glaube, die Menschen in dem Stadtteil haben sich über den neuen Lesestoff sehr gefreut 🙂

 

Nahaufnahme von CD-Reihen

PIN IT! Bücher und CD’s können mittlerweile digital gehört und gelesen werden, also lohnt es sich, zu schauen, was man davon verkaufen kann. (Eddie Vedder ~ Into the Wild würde ich übrigens niemals weggeben).

PIN IT!

Aus irgendeinem Grund habe ich extrem wenig Musik. Weder online noch offline. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so viele Hobbies und Interessen habe, dass eines zwangsläufig hinten überfallen muss – und das ist die Musik. Trotzdem unterzog ich an einem Wochenende meine CDs einer genauen Begutachtung und sortierte aus. Einige Titel werde ich künftig nur noch digital ablegen und keine neuen CDs mehr kaufen. Auch in dieser Hinsicht wird also der Regalplatz, den ich benötige, konstant bleiben. Die eine Reihe CDs, die ich besitze, sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich sie behielt.

 

Schritt 3: Saisonales

Gestaltest du auch deine Wohnung regelmäßig im Laufe der Jahreszeiten um? Ich persönlich schmücke zu Weihnachten, Ostern – und bald danach, wenn die ersten Sonnenstrahlen kommen, räume ich die Gartensachen aus der Garage ins Freie. Diese Aktionen sind eine gute Gelegenheit, um nebenbei auszusortieren. Ich habe zum Beispiel zwei Kisten mit Weihnachtssachen (groß und mittelgroß) und eine mit Ostersachen. An einem der Adventssonntage habe ich konsequent Weihnachtsschmuck und Ostersachen aussortiert, die ich nicht mehr mag. Davon bastelte ich Geschenke für Freundinnen und konnte dadurch von drei auf zwei Kartons reduzieren.

Auch zu Silvester, das gerade hinter uns liegt, kannst du dir die Frage stellen: Muss man so viel böllern? Mein Mann und ich haben dieses Jahr Silvester in London gefeiert und dabei ist uns eines ganz stark aufgefallen: In London versammeln sich alle – Einwohner wie Touristen – an der Themse, um das Feuerwerk am London Eye zu verfolgen. Außer am Trafalgar Square wird jedoch nirgendwo sonst in der Achtmillionenstadt geböllert. Als wir am Neujahrstag wieder in Deutschland landeten, fiel uns der ganze Feuerwerksmüll noch viel stärker auf, der wahrscheinlich bald irgendwo in den Weltmeeren kreist, wenn er nicht schnell genug aufgesammelt wird.

 

Fazit

Du siehst also, es gibt viele Möglichkeiten, wo du anfangen kannst, deinen materiellen Besitz überhaupt erstmal zu erfassen und dann auszusortieren. Wichtig ist, zu einem anderen Denken zu kommen: Überlege nicht dauernd, was du noch brauchst und wie zur Hölle du das bloß gegenfinanzierst. Prüfe statt dessen, wie du mit dem zurechtkommst, was du bereits hast bzw. liste kurz auf, was du WIRKLICH benötigst. Damit hast du schon den ersten Schritt zu einem freieren Leben getan, in dem dein Besitz dich nicht belastet. Konnte ich dir ein paar sinnvolle Denkanstöße geben? Hast du selbst gut Tipps zum Thema Minimalismus? Dann schreib‘ mir.

Alles Liebe, Bea

Comments
  • Sebastian

    Sehr cooler Blog und treffender Text, die gleichen Gedanken mache ich mir auch schon länger und arbeite daran. Die ganze Woche arbeiten, um dann das hart verdiente Geld am Wochenende aus Langeweile in der nächsten Shopping Mall auszugeben. Scheinen offensichtlich viele so zu machen 🙂

    Warum nicht weniger arbeiten (oder eine Arbeit, die mehr Spaß macht und ggf. schlechter bezahlt ist) und dafür weniger Blödsinn kaufen.

    Lange bin ich auch dem Irrglauben erlegen, ich musste unbedingt ein eigenes Haus haben und dieses ganze Zeug. Was bin ich froh, dass ich das jetzt anders sehe 🙂

    Grüße und weiter viel Erfolg!
    Sebastian

    • Bea Creative
      Sebastian

      Hi Sebastian,

      vielen Dank für dein Lob und für das Feedback. Es zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Denn – wie du auch schreibst: Es leben viele Menschen nach diesem Muster. Aber umgekehrt werden es immer mehr, die anfangen, den Teufelskreis zu hinterfragen. Man muss ja nicht gleich in einer Höhle leben. Aber man kann zumindest mal ein Stoppzeichen setzen und versuchen, umzudenken.

      Und das ist schon schwer genug. Dieses „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ (nach wie vor treffendster Werbeslogan aller Zeiten) wird durchgehend als allgemeingültiges Lebensmodell verkauft, und du verbraucht eine unglaubliche Energie, um anderen (Eltern, Großeltern, Freunden) zu verklickern: Nö! Geht auch anders. Mitunter stellst du fest, dass du mit manchen Menschen nicht mehr auf einen Nenner kommst.

      Aber je klarer du in dir drin bist und je genauer du weißt, weshalb du so lebst, wie du lebst, desto lieber schickt dir das Leben Menschen, die dich bestärken und die dich weiterbringen.

      In diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn wir in Kontakt blieben und habe dir eine Anfrage auf Insta geschickt 🙂

      Eine gute Zeit wünscht dir
      Bea